Armut? Welche Armut?

06. April 2015  Kommentare
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Die Sozialstatistiken belegen es: Trotz geringer Arbeitslosigkeit wächst in Deutschland die Armut. Kein Wunder angesichts der Ausbreitung von Niedriglöhnen, prekären Jobs und Arbeitslosenhilfe auf Elends-Niveau. Als Konsequenz daraus müsste eigentlich mehr Umverteilung von oben nach unten folgen. Das aber gefällt einigen nicht. Zum Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Armut sei nichts als ein „statistischer Trick“, schreibt sie. Dem schließt sich – ausgerechnet – SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles an.

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Die Presse ist voll von Jubelmeldungen über die deutsche Wirtschaft: Die Konjunktur läuft, die Arbeitslosigkeit geht zurück, die Unternehmensgewinne steigen und die Löhne sogar auch mal. Doch der Paritätische Wohlfahrtsverband mahnt: Die Armut ist auf Rekordhoch.

Das ist nicht überraschend. Schließlich sind immer noch mehr als sechs Millionen Menschen abhängig von magerer staatlicher Unterstützung. Die Einkommen der unteren Lohngruppen steigen seit vielen Jahren nicht. Deutschland hat den größten Niedriglohnsektoren in der EU. Zu viele Menschen gehen arbeiten und können von ihrem Lohn nicht leben. Alles dank der von Rot-Grün durchgesetzten Agenda 2010, die Deutschlands Beschäftigte „wettbewerbsfähig“ machen sollte.

Das kann das Agenda-Kampfblatt FAZ natürlich nicht durchgehen lassen. Die Armut sei nichts als ein statistischer Trick, wettert sie. Denn als arm gilt jemand, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erzielt. In Deutschland also ab 1870 Euro im Monat für eine vierköpfige Familie. „Die 60-Prozent-Grenze, eben die relative Definition von Armut, sorgt dafür, dass es immer Armut geben wird, solange es Unterschiede bei den Einkommen gibt. Verdoppeln sich in einer Gesellschaft alle Einkommen, verdoppelt sich nach dieser Definition nämlich automatisch auch die Armutsgrenze,“ so die FAZ.
Dem stimmt Arbeitsministerin Nahles zu: „Der Ansatz führt leider schnell in die Irre“, ließ sie die Süddeutsche Zeitung wissen. Mit solchen Berechnungen laufe die Politik und die Gesellschaft Gefahr, den Blick für die wirklich Bedürftigen zu verlieren. „Es gibt zum Beispiel mehr illegale Einwanderer und sehr viel jüngere Erwerbsgeminderte, da haben wir es mit wirklicher Armut zu tun.“

Nun, Letzteres stimmt. Der ganze Rest ist Quark.

Das 60-Prozent-Kriterium ist international üblich. Der Einwand, dies messe nur „relative Armut“, ist ein uralter Hut, der immer wieder hervorgezogen wird, dadurch aber nicht besser wird. Denn: Für Armut gibt es kein objektives Maß. Armut wird immer gemessen im Verhältnis zum erwirtschafteten Wohlstand. Einzige Frage dabei: Welcher Vergleichsmaßstab wird herangezogen? Klar, verglichen mit dem Bewohner eines indischen Slums ist jeder deutsche Arbeitslose reich. Aber macht dieser Vergleich Sinn? Nein.

Vernünftigerweise nimmt man zum Maßstab die Einkommen innerhalb einer Gesellschaft. Für Deutschland also die Einkommen in Deutschland. Denn: Ob jemand arm ist, sollte sich immer danach bemessen, wie viel Reichtum eine Gesellschaft produziert, wie viel Reichtum also verteilt werden kann und inwieweit ein armer Mensch von diesem Reichtum ausgeschlossen ist. Und gemessen daran gibt es in Deutschland eben immer mehr Arme. Punkt.

Armut in diesem Sinne ist ein Maß für die Verteilung der Einkommen. Und die ist in Deutschland sehr ungleich – und die der Vermögen übrigens noch viel ungleicher: Den reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte gehören rund drei Viertel aller Vermögen!

Mit dem Verweis auf die „wirklich Bedürftigen“ zeigt Arbeitsministerin Nahles ihre „soziale Ader“. Dabei ist dieser Verweis immer bloß der Auftakt dazu, den Armen Unterstützung zu verweigern – indem sie auf jene deutet, die noch ärmer sind. Nämlich Menschen, die nicht voll arbeiten können – zum Beispiel Erwerbsgeminderte – oder dürfen – so bei illegalen Einwanderern.

Um Armut zu bekämpfen, brauchen wir vor allem eine Stärkung der Gewerkschaften. Es darf keine sachgrundlosen Befristungen mehr geben, keine Leiharbeit und Werkverträge müssen eingegrenzt werden. So kann die Angst vieler Beschäftigter um ihren Arbeitsplatz zurückgedrängt werden. Dies ist Voraussetzung für aktivere Gewerkschaftsarbeit im Betrieb und auch für breitere Arbeitskämpfe. So können wieder mehr Tarifverträge geschlossen und vor allem höhere Löhne durchgesetzt werden, nachdem heute immer noch der durchschnittliche Reallohn eines Beschäftigten nicht höher liegt als im Jahr 2000.

9 Kommentare zu „Armut? Welche Armut?”

  • […] Armut? Welche Armut? Die Sozialstatistiken belegen es: Trotz geringer Arbeitslosigkeit wächst in Deutschland die Armut. Kein Wunder angesichts der Ausbreitung von Niedriglöhnen, prekären Jobs und Arbeitslosenhilfe auf Elends-Niveau. Als Konsequenz daraus müsste eigentlich mehr Umverteilung von oben nach unten folgen. Das aber gefällt einigen nicht. Zum Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Armut sei nichts als ein „statistischer Trick“, schreibt sie. Dem schließt sich – ausgerechnet – SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles an. Quelle: Michael Schlecht (MdB, Die Linke) […]

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  • Monika Lagoudaki sagt:

    An alle die “Armutsdefinierer”: Bitte, Bitte sagt uns, dem dummen Volk, wie man als vierköpfige Familie mit ca 1900 Euro über die Runden kommt oder bzw als Singe mit ca. 900 Euro und damit ALLES bezahlen muss (nämlich Wohnung mit Strom, Heizung, Wasser, GEZ etc, Kleidung, ärztliche Versorgung, Essen, Transport, Extras (Kaputtes Auto, Kühlschrank o.ä.). Bitte gebt die genaue Rechnung durch, dann können wir dummes Volk das nämlich nachmachen. Und… es sollten noch ein- bis zweihundert Euro pro Monat übrigbleiben für wirklich Unvorhergesehenes und das Alter. Wenn man nämlich nur noch von der Hand in den Mund leben kann, dann ist man wirklich ARM! Da kann die FAZ sagen was sie will.

  • Mini Matz sagt:

    Ich teile im Wesentlichen den Inhalt Ihres Kommentars. Andererseits ist mir der Ansatz, die Festlegung der Armut an den Staatengrenzen fest zu machen, nicht nachvollziehbar. Da hat die Frau Nahles sogar ein Stück weit Recht, auch wenn ihre Argumentation der Klientelpolitik geschuldet ist.

  • Tiefrot sagt:

    Leiharbeit und Werkverträge eingrenzen ?
    Was soll der Quatsch ? Das gehört sofort und ersatzlos abgeschafft !

    • Michael Schlecht, MdB sagt:

      Lieber Tiefrot,

      Leiharbeiter sollte selbstverständlich abgeschafft werden, bei Werkverträgen geht das nicht. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel einen externen Maler damit beauftragt die Toiletten neu zu streichen, das ist das sinnvoll, aber es ist auch ein Werkvertrag. Deshalb fordert DIE LINKE, dass Werkverträge vom Betriebsrat genehmigt werden müssen bzw. dass für den Betriebsrat ein Vetorecht bestehen soll. Gruß Michael Schlecht

      • Tiefrot sagt:

        Danke erstmal für die nähere Info.
        Okay – Dann wären demnach nur noch Werkverträge zulässig, die
        für solche externen Arbeiten nötig sind. Dann müßte aber auch
        entsprechend eng die Grenze der Zulässigkeit abgesteckt werden.
        Bisher ist dies ja recht auslegbar und wird entsprechend
        zur Lohndrückerei mißbraucht.

  • John sagt:

    Um Armut zu bekämpfen muss aber endlich auch der Griff in die Rentenkassen für die so genannten versicherungsfremden Leistungen unterbleiben. Das sind Versicherungsbeiträge, die den Beitragszahlern gehören und nicht Staatseigentum zur freien Entnahme sind! Das muss aufhören, dann wird auch die Altersarmut weniger. Und wenn dann noch jeder, der daraus bedient wird, selbst etwas einzahlen muss, dann sähe es noch besser aus. Dann könnten die Neoliberalen schließlich auch nicht mehr Jung gegen Alt und umgekehrt aufhetzen! Ein unerträglicher Zustand übrigens. Es gibt viele Punkte, bei denen man ansetzen kann. Und Rentenprivatisierungen sind ja schon in England, USA, Argentinien und Chile schwer in die Hose gegangen. Die Menschen sollten endlich mal aufwachen und erkennen, dass private Rentenversicherer ausschließlich zwischengeschaltete Mitverdiener sind, die Kohle rausziehen wollen! Mit Alterssicherung hat das ganze gar nichts zu tun!

  • Olaf G. sagt:

    Nachwuch droht Gehalt auf Hartz-4-Niveau

    Ende der Wohlstands-Ära: Die Jungen werden ärmer als ihre Eltern

    http://www.stern.de/wirtschaft/geld/mckinsey-studie–die-jungen-werden-aermer-als-ihre-eltern-6971346.html

    oder auch ganz lecker: Verarmung als Megatrend – siehe auch: https://www.berlinjournal.biz/verarmung-kinder-aermer-als-eltern/

    Laut Politik müsse man sich “integrieren” (nach Definition der Politik was das denn angeblich sei). Dazu braucht es in der heutigen Zeit üppige Geldmittel, die die meisten Leute, die angeblich “nicht integriert” sind (auch sehr viele Deutsche).

    Auf einen Zusammenhang stieß die britische Soziologin Marii Peskow in der European Social Survey (ESS): Demnach sei die Bereitschaft zur Wohltätigkeit in egalitären Gesellschaften deutlich schwächer ausgeprägt, als in solchen mit großen Einkommensunterschieden. Die Erklärung dafür liege im sozialen Statusgewinn, den Wohlhabende in ungleichen Gesellschaften erfahren würden, wenn sie Schwächere unterstützten. In egalitären Gesellschaften herrsche hingegen das Bewusstsein vor, dass dank des Sozialstaats für die Schwachen schon gesorgt sei.

    Faulheit gilt in den westlichen Industrienationen als Todsünde. Wer nicht täglich flott und adrett zur Arbeit fährt, wer unbezahlte Überstunden verweigert, lieber nachdenkt als malocht oder es gar wagt, mitten in der Woche auch mal bis mittags nichtstuend herumzuliegen, läuft Gefahr, des Schmarotzertums und parasitären Lebens bezichtigt zu werden.

    Nein, stopp: Nur die armen Arbeitslosen fallen in die Schublade »Ballastexistenz«. Millionenerben, Banker- und Industriellenkinder dürfen durchaus lebenslang arbeitslos und faul sein. Sie dürfen andere kommandieren, während sie sich den Bauch auf ihrer Jacht sonnen.

    Früher glaubten viele Menschen an einen Gott. Wie viele heute noch glauben, da oben säße einer, der alles lenke, weiß ich nicht. Das ist auch egal. Gottes ersten Platz hat im modernen Industriezeitalter längst ein anderer eingenommen: Der »heilige Markt«. Der Finanzmarkt. Der Immobilienmarkt. Der Energiemarkt. Der Nahrungsmittelmarkt. Und der Arbeitsmarkt.

    Der Arbeitsmarkt ist, wie der Name schon sagt, zum Vermarkten von Arbeitskraft da. Wer kein Geld und keinen oder nur sehr wenig Besitz hat, verkauft sie. Die Eigentümer der Konzerne konsumieren sie, um daran zu verdienen. Das geht ganz einfach: Sie schöpfen den Mehrwert ab. Sprich: Der Arbeiter bekommt nur einen Teil seiner Arbeit bezahlt. Den Rest verrichtet er für den Gewinn des Unternehmers.

    Arbeit verkaufen, Arbeit konsumieren: So geschieht es seit Beginn der industriellen Revolution. Denn Sklaverei und Leibeigenschaft wurden ja, zumindest auf dem Papier, abgeschafft.

    Solange Furcht vor Strafe, Hoffnung auf Lohn oder der Wunsch dem Über-Ich zu gefallen, menschliches Verhalten bestimmen, ist das wirkliche Gewissen noch gar nicht zur Wort gekommen. (VIKTOR FRANKL)

    Die Todsünde der Intellektuellen ist nicht die Ausarbeitung von Ideen, wie fehlgeleitet sie auch sein mögen, sondern das Verlangen, diese Ideen anderen aufzuzwingen (Paul Johnson)

    Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden, in lockende Gestalt… (Shakespeare)

    Das Heimweh nach der Barbarei ist das letzte Wort einer jeden Zivilisation (Cioran)

    Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher (Voltaire)

    Die Gefahr ist, dass die Demokratie zur Sicherung der Gerechtigkeit für diese selbst gehalten wird (Frankl)

    Absolute Macht vergiftet Despoten, Monarchen und Demokraten gleichermaßen (John Adams)

    Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer (Schopenhauer)

    Unser Entscheiden reicht weiter als unser Erkennen (Kant)

    Denn mancher hat, aus Furcht zu irren, sich verirrt (Lessing)

    Die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus… (Goethe)

    Immer noch haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen (Hölderlin)

    So viele Gefühle für die Menschheit, dass keines mehr bleibt für den Menschen (H. Kasper)

    “Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden” (Helmut Schmidt)

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